Gegen Stress und Vereinzelung

Premiere am 16.Januar um 20 Uhr in der KORALLE 

„Haben Sie mal im deutschen Einzelhandel gearbeitet? Dort regiert die Arbeit auf Abruf, die ein verlässliches Sozial- und Familienleben unmöglich macht. Keine gute Idee dort zu arbeiten? Aber auch wer von seinen Kindern  gute Schulnoten erhofft, damit ihnen vielleicht einmal eine Unikarriere winkt, wird sich wundern. Über 90% der wissenschaftlichen Kräfte der Universität haben befristete Verträge mit einer Vertragsdauer in den meisten Fällen von nur wenigen Monaten bis zu zwei Jahren. Sie tragen einen Großteil der universitären Lehre und bekommen dafür meist nicht einmal 500 € im Monat – über Jahre prekär ohne reale Perspektive….. Wer dann noch partout in die Zukunft blicken will, schaue sich die „Crowdworker“ an, eine Branche, die höchste Zuwachsraten verzeichnet. Dort herrscht purer Frühkapitalismus verschärft durch die globale Konkurrenz – bei jeder Bewerbung um einen Auftrag gibt es Millionen Mitbewerber….“

Das sind nur kurze Splitter aus dem Film „Der marktgerechte Mensch“. Das unternehmerische Risiko wird auf den Einzelnen verlagert. Stress bis in die „Freizeit“ und Vereinzelung lassen Solidarität und tragbaren sozialen Beziehungen immer weniger Raum. Mehr und mehr Menschen zerbrechen an dieser Last und glauben, an ihrem Schicksal schuld zu sein.

Die Premiere des Films „Der marktgerechte Mensch“ von Leslie Franke und Herdolor Lorenz  soll am 16.Januar  ein weithin hörbares Signal gegen Stress und Vereinzelung werden!

Europa ist im Umbruch. Die soziale Marktwirtschaft, gesellschaftliche Solidarsysteme, über Jahrzehnte erstritten, stehen zur Disposition. Besonders der Arbeitsmarkt und mit ihm die Menschen verändern sich rasant. Hier setzt der Film „Der marktgerechte Mensch“ an.

Noch vor 20 Jahren waren in Deutschland knapp zwei Drittel der Beschäftigten in einem Vollzeitjob mit Sozialversicherungspflicht. 38% sind es nur noch heute. Aktuell arbeitet bereits die Hälfte der Beschäftigten in Unsicherheit! Der Film zeigt Fahrer für Essenslieferanten, die von einem Algorithmus gesteuert werden, Beschäftigte des Einzelhandels, die auf Abruf arbeiten, „Crowdworker“, die auf Internet-Plattformen mit der ganzen Welt konkurrieren. Auch Menschen in bisher sicher geglaubten Arbeitsstrukturen an Universitäten erleben wir in befristeten Arbeitsverhältnissen. Hier gibt es Planungshorizonte von nur wenigen Monaten bis zu einem Jahr. Dr. phil. Dr. rer. med. Peter Ullrich freut sich über einen neuen Vertrag für einen Monat: „Die Rente ist gesichert,“ feixt er.

All diesen modernen Arbeitsverhältnissen ist eines gemein: Der Arbeitgeber zieht sich aus sozialen Verpflichtungen zurück und lädt das wirtschaftliche und soziale Risiko auf den Rücken der Beschäftigten. Dabei stellt der Soziologe Simon Schaupp eine gewollte Atomisierung der Beschäftigten fest. „ Eine Tendenz, die intendiert, dass Leute isoliert werden und sich nicht so lästig selbstorganisieren.“

Bei mittleren- und oberen unbefristeten Leitungspositionen stellt sich das zwar etwas anders dar. Aber auch hier wird die Verantwortung für das Schicksal des Unternehmens gerne auf die Mitarbeiter abgeschoben. Beliebt ist das „Management by crisis“ – die Beschäftigten sollen das Unternehmen retten. Sie opfern sich dann auf, widmen ihr ganzes Leben der Firma. Was sie aber nicht davor rettet, am Telefon gekündigt oder wie ein Schwerverbrecher von der Security vor die Tür begleitet zu werden. Wissenschaftler erklären, wie solcher Stress und „ausgeschlossen sein“ systematisch körperliche Krankheiten auslösen.

Der Film zeigt Beispiele, wie Menschen an dieser Last und Unsicherheit zerbrechen, wie Depression und Burnout das Leben zur Hölle machen. Selbst in dieser fatalen Situation glauben noch viele, an ihrem Schicksal schuld und ein Einzelfall zu sein. Fatal ist, dass all diese gezeigten Arbeits- und Lebensformen sehr oft mit sozialer Isolierung und Einsamkeit verbunden sind – Symptome eines zerbrechenden Bindegewebes dieser Gesellschaft.

In einer Welt, die von Konkurrenz, Ausbeutung und uneingeschränkter Freiheit der Investoren getrieben ist, gibt es ein wesentliches Prinzip: „Race to the buttom“, der Wettbewerb um immer schlechtere Arbeitsbedingungen und niedrigere Löhne bei missachteter Menschenwürde. DER MARKTGERECHTE MENSCH zeigt unter welchen Bedingungen Fahrer von osteuropäischen Subunternehmern in der LKW- Transportbranche arbeiten und Nobelketten der Textil- und Bekleidungsindustrie. Diese lassen ihre Produkte in Osteuropa von Arbeiterinnen fertigen, die 12 Stunden, 7 Tage die Woche Produkte im Akkord zusammennähen, für einen Lohn der fünffach unter dem Existenzminimum liegt. Und dennoch zieht die Karawane weiter dorthin, wo die Bedingungen für Investoren noch günstiger sind.Im Focus steht Äthiopien: Die ArbeiterInnen verdienen dort 27 Dollar im Monat, das ist die Hälfte des Lohnniveaus von Bangladesh! – Dieser Wahnsinn ist nicht alternativlos. Der Film stellt Betriebe vor, die nach dem Prinzip des Gemeinwohls wirtschaften, Beschäftigte von Lieferdiensten, die einen Betriebsrat gründen und die Kraft der Solidarität von jungen Menschen, die für einen Systemwandel eintreten. „Der marktgerechte Mensch“ ist ein Film, der Mut macht, sich einzumischen und zusammenzuschließen. Denn ein anderes Leben ist möglich.