Jendrik Sigwart: „I don’t feel Hate“

Made in St. Gabriel Volksdorf

von Hinrich Ranck

Was für ein Erfolg! Der in Volksdorf aufgewachsene und gebürtige Hamburger Jendrik Sigwart wird Deutschland beim diesjährigen European Song Contest (ESC) vertreten. Er hat zeri unabhängige Jurys  in einem mehrstufigen Auswahlverfahren überzeugt, so hatte es der NDR – als ausrichtender deutscher Sender – bereits im Februar bekannt gegeben. Jendrik, 26 Jahre jung, wird am 22. Mai in Rotterdam mit dem von ihm selbst komponierten Lied „I don`t feel Hate“ auftreten. Besonderes Markenzeichen des Künstlers ist neben seiner guten Laune, seiner ansteckenden Fröhlichkeit und Begeisterungsfähigkeit, sein Lieblingsinstrument, die Ukulele, ein Zupfinstrument  mit gitarrenähnlichen Proportionen, das aber sehr viel kleiner als eine Gitarre ist.

Sigwart besuchte als Schüler in Volksdorf zunächst die Grundschule Teichwiesen und in der Folge das Gymnasium Buckhorn. Bereits als Schulkind liebäugelte er mit der Musik. Sowohl er, wie auch seine vier Geschwister, lernten zu Hause früh Instrumente spielen, Jendrik Klavier und Geige. In der Oberstufe wählte der Volksdorfer das sogenannte „Musikprofil“. Im Anschluss an seine Schulzeit studierte er vier Jahre lang am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück die Fächer „Musical“ und „Vokalpädagogik“.

Den Entschluss, die Musik zum Beruf zu machen, den fasste Jendrik Sigwart früh. Lange vor seinem großen Auftritt am 22. Mai (vor zwei Jahren schauten den ESC weltweit 182 Millionen Zuschauer), nahm er schon an Wettbewerben teil und spielte vor Publikum. In der Grundschule trat er bereits bei einem Musical auf, später auch als Straßenmusiker und auf dem Volksdorfer Wochenmarkt.

Eine enge Bindung hat der Künstler nach wie vor zur evangelischen Kirchengemeinde in Volksdorf. Am 5. Juli 2014 gewann Jendrik gemeinsam mit Hendrikje Witt und Moritz Harloff (letztere sind damals wie heute in der Jugendarbeit in der Gemeinde aktiv) mit dem Ukulele-Song „Tanzt auf dem Vulkan“ den mit 2.000 Euro dotierten ersten Preis des sog. „KlimaVision SongCO2ntest“ der Nordkirche. Mit diesem Lied traten Sigwart, Witt und Harloff ein weiteres Mal am 26. September 2014 im Rahmen des Freiluftgottesdienstes der Landessynode der Nordkirche im Travemünder Brügmanngarten auf.

Die Verbundenheit zur evangelischen Gemeinde Volksdorf dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass Jendrik einen Raum in der Kirche St. Gabriel als Produktionsstätte wählte, in dem er dann das Siegervideo für die Qualifikation zu Teilnahme am ESC drehen ließ. Es zeigt sich hier einmal mehr, welche vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten dieses Kirchengebäude bietet.

Dessen ungeachtet ist die unter Denkmalschutz stehende Kirche St. Gabriel mit ihren künstlerisch besonders wertvollen Glasfenstern von Hanno Edelmann nach wie vor vom Abriss bedroht. Vor allem der Kirchenkreis Hamburg-Ost ist der Auffassung, dass dem Wohl der Kirchengemeinde langfristig eher gedient werden kann, wenn die Kirche verschwindet. Da kann man mit guten Gründen auch anderer Meinung sein. So wie etwa die ca. 2.000 Menschen, die dies im Jahre 2016 innerhalb nur weniger Wochen am U-Bahnhof Volksdorf im Zuge einer vom Förderverein St. Gabriel Volksdorf spontan initiierten Unterschriftenaktion zum Ausdruck brachten (www.sankt-gabriel-volksdorf.de).

Jendrik Sigwart ließ sich als Künstler offenbar sowohl von dem ruhigen, fast verschlafen anmutenden Standort der Kirche am Ende der Sackgasse Sorenremen als auch von der Ausstrahlung des Kirchengebäudes inspirieren. Er nutzte vor allem einen der Räume im Untergeschoß der Kirche, in dem die Jugend gerne musiziert und feiert, die ehemalige und legendäre „Kuhbar“. Dort baute er gemeinsam mit seinem Team achtzehn Waschmaschinen auf, die er bei „ebay-Kleinanzeigen“ erstand und drehte dann mehre Tage lang sein von Erfolg gekröntes Musikvideo.

In wenigen Wochen werden wir einen vermutlich grandiosen Live-Auftritt eines Volksdorfer Künstlers vor einem Fernsehpublikum von mehr als 100 Millionen Menschen sehen. Die Produktionsstätte für das Video, mit dem der Erfolg von Sigwart beim ESC begann, die war freilich ein unscheinbarer Ort im Untergeschoss einer idyllisch gelegenen Kirche. Die ehemalige „Kuhbar“ war, wenn man so will, das Atelier des Künstlers, also ein kreativer Ort, in dem der Künstler arbeitete, wo sein Kunstwerk entstand.

Der Raum im Souterrain der Kirche St. Gabriel scheint nach allem ein Ort zu sein, der Kreativität fördert, aber nicht, weil er kreativ gestaltet ist, sondern weil er sich selbst zurücknimmt und so Kreativität Raum lässt. Anders als das vergleichsweise große Gemeindezentrum am Rockenhof im Zentrum von Volksdorf liegt St. Gabriel am Ortsrand von Volksdorf direkt an einem Naturschutzgebiet. Nicht nur die Jugend, auch Künstler können hier ungestört, unbeaufsichtigt und schöpferisch arbeiten. Das Untergeschoß der Kirche St. Gabriel ist schlicht, kein Schick, kein Glanz. Es ist eine geradezu ideale Umgebung für kreative Schaffenskraft. Kaum vorstellbar, dass man vor der Volksdorfer „Kathedrale“, der imposanten Kirche am Rockenhof, die gut sichtbar für den Publikumsverkehr in der Mitte Volksdorfs liegt und unter ständiger Beobachtung der hauptamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde steht, achtzehn alte Waschmaschinen hätte abgeladen und auftürmen können.

Die ehemalige „Kuhbar“nach dem Ende des Shootings

St. Gabriel als Atelier für das Siegervideo wurde von Jendrik Sigwart klug ausgewählt. Es ist gut, dass die evangelische Kirchengemeinde Volksdorf diese zwei sehr unterschiedlichen Standorte, St. Gabriel und den Rockenhof, hat. Möge dies in Zukunft so bleiben. Nun gilt es, dem Volksdorfer Jendrik Sigwart am 22. Mai alle Daumen zu drücken!